Auf den Spuren des "erwürgten Mockerls"

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Mit dem Fahrrad über den Rennsteig ins Tettau- und Haßlachtal (44 km, 393 Hm Steigung, 680 Hm Gefälle)

 

Über 400 Meter beträgt der Höhenunterschied zwischen der Kreisstadt Kronach im westlichen Frankenwald und der Rennsteigregion an der fränkisch-thüringischen Landesgrenze. Für eine abwechslungsreiche, nicht allzu anstrengende Radtour entlang des Grünen Bandes bieten sich die Regionalzüge auf der Frankenwaldbahn zwischen Kronach und Saalfeld als "Schlepplifte" an. Der Scheitelpunkt dieser Bahnstrecke liegt mit 594 Metern über dem Meeresspiegel beim Bahnhof Steinbach am Wald. 300 Meter weiter nördlich kreuzen der Rennsteig-Wanderweg und der Rennsteig-Radweg diese Bahnstrecke.

Nach Verlassen des Bahnhofs halten wir uns rechts und erreichen den Rennsteig-Radweg am Ende der Straße. Dort folgen wir dem Radweg nach links. Bei zwei Obelisken kreuzen wir die B 85, die dort ihren Scheitelpunkt hat. Der Radweg verläuft nun auf einem schmalen Schotterweg links von der Straße.

Nach acht Kilometern, beim grünen Straßenschild "Rennsteig 720 Meter über NN", muss man sich entscheiden, ob man die Tour über Kleintettau fortsetzen möchte, um dort das Europäische Flakonglasmuseum zu besichtigen, oder ob man dem Rennsteig in Richtung Spechtsbrunn folgen möchte, um an der Kalten Küche das gemeinsame Informations-Zentrum der Naturparke "Thüringer Wald, Thüringer Schiefergebirge / Obere Saale und Frankenwald" zu besuchen (weitere Infos dazu siehe jeweils bei der Wandertour 3).

Auf beiden Strecken lernt man eine Nutztierrasse kennen, die erst seit 1980 im Frankenwald heimisch geworden ist: Schottische Hochlandrinder, die sich auf den Weiden in der Rennsteigregion des Frankenwaldes sichtlich wohl fühlen. Diese robuste Rinderart wird in zunehmenden Maße in der Landschaftspflege eingesetzt, um blumenreiche Wiesen und traditionelle Kulturlandschaften zu erhalten.

Auf der fränkischen Seite gelangt man entlang der Staatsstraße nach Kleintettau und Alexanderhütte (Fortsetzung durchs Tettautal siehe weiter unten). Um zur Kalten Küche zu gelangen, folgt man dem Rennsteig-Radweg, der zunächst diese Straße und einige hundert Meter weiter die Straße nach Spechtsbrunn kreuzt. Kurz vor der fränkisch-thüringischen Landesgrenze befindet sich eine Wanderhütte. Dort erfährt man an Info-Tafeln, wie es einst bei der Köhlerei, bei der Glas- und Porzellanherstellung sowie bei der Metallanreicherung in den Saigerhütten zuging.

An der Schildwiese überqueren wir die Landesgrenze und befinden uns nun am Grünen Band. In der Nähe der beiden Wappensteine aus den Jahren 1725 und 1789 befand sich zu jener Zeit ein Zollhaus. Direkt am Grünen Band informiert der Landschaftspflegeverband Frankenwald über seine Arbeit im Naturpark.


Idyllisches Mosaik aus Wiesen und Wäldern im Tettautal: das Naturschutzgebiet zwischen Sattelgrund und Schauberg.
Mahnmal: Bei Heinersdorf erinnert diese Originalmauer an die Zeit des geteilten Deutschlands.

Der Rennsteig-Radweg führt weiter zur Schleifenwiese am Grünen Band. Am Rastplatz informieren Tafeln über die Bedeutung und den Schutz dieses Biotopverbundes in Thüringen. Nach links besteht eine gute Aussicht über die offenen Fluren im Bereich des ehemaligen Grenzstreifens.

Am Info-Zentrum an der Kalten Küche verlassen wir den Rennsteig und folgen nun den Schildern "Rennsteig-Main-Lions-Radweg" ins Tettautal. Nach einem Kilometer überqueren wir wieder die Landesgrenze. Rechts der Straße wird das Grüne Band durch eine extensive Beweidung offen gehalten, um den Lebensraum für gefährdete Tagfalter- und Pflanzenarten zu bewahren.

Wer mehr vom Grünen Band rings um Tettau sehen möchte, kann sein Fahrrad im Ort abstellen und von der Kirche aus eine Kurzwanderung zum Kolonnenweg unternehmen. Für Freunde des "Weißen Goldes" lohnt sich ein Besuch der Königlich privilegierten Porzellanfabrik Tettau, der ältesten Porzellanfabrik Bayerns (Näheres siehe jeweils Wandertour 3).

Um die Radtour fortzusetzen, folgt man den Schildern in Richtung Alexanderhütte. Das grenzübergreifende Naturschutzgebiet zwischen Sattelgrund und Schauberg im naturnahen Tettautal ist ein Lebensraum für zahlreiche gefährdete Vogel- und Fischarten. Bachneunauge und Westgroppe leben im Tettaubach. Zur Verbesserung des Biotopverbunds werden im Rahmen der Landschaftspflege die standortfremden Fichten im Tal entfernt.

Entlang der folgenden Etappe bis Heinersdorf erkennen wir an vielen Stellen den Bahndamm der ehemaligen Tettautalbahn. Auf der Bahnstrecke schnaufte einst das "Tettauer Moggerla", wie man im Volksmund die Züge mit den kleinen Dampfloks nannte. Die Lokalbahn vom Bahnhof Pressig-Rothenkirchen nach Tettau wurde im Juni 1903 eröffnet. Die hiesige Glas- und Porzellanindustrie hatte auf einen Bahnanschluss gedrängt.

Im unteren Tettautal radeln wir zwischen dem Abzweig nach Judenbach und Heinersdorf drei Kilometer durch ein idyllisches Naturschutzgebiet, das für Privat-Pkw gesperrt ist. Die Grünlandflächen werden hier nur teilweise gemäht. Die ehemaligen Wiesen sind deshalb verbuscht oder haben sich zu üppigen Pestwurzfluren entwickelt. Um die Artenvielfalt zu erhalten, werden einige Bereiche des Tettautals extensiv beweidet. Das Thüringer Kulturlandschaftsprogramm fördert dieses Projekt. Außerdem hat der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland hier einige Grundstücke erworben, um eine naturschutzgerechte Pflege sicherzustellen.

In Heinersdorf hält man sich geradeaus, folgt weiter den Radwegschildern und gelangt schließlich zum ehemaligen Grenzübergang nach Welitsch. Dort ist ein 50 Meter langer Abschnitt der Mauer in "Berliner Bauart" aus Beton als Mahnmal erhalten geblieben. Ein Gedenkstein erinnert an die "friedlich erzwungene Grenzöffnung" am 19. November 1989.

Unmittelbar nach dem Ortsausgang Heinersdorf, gleich hinter dem Mauer-Denkmal, führt uns rechts ein Asphaltweg von der Straße weg. Nach einigen hundert Metern sehen wir noch einmal ein Stück des Kolonnenwegs, bis wir schließlich nach links abbiegen und den Schildern weiter nach Südosten in Richtung Kronach folgen.

Ab Neukenroth befinden wir uns im Tal der Haßlach, die oberhalb des gleichnamigen Dorfes am Rennsteig östlich von Steinbach am Wald entspringt. Dem Haßlachtal folgen wir nun weiter nach Süden. Kurz vor Gundelsdorf ist erstmals die Kronacher Festung Rosenberg zu erkennen. Direkt am Radweg zwischen Gundelsdorf und Knellendorf erinnert eine Gedenkstelle mit einem steinernen Kunstwerk daran, dass sich hier vom 12. September 1944 bis zum 13. April 1945 eine Außenstelle des Konzentrationslagers Flossenbürg befand. Mehr als hundert jüdische Frauen waren hier inhaftiert. Sie mussten im Luftwaffennachschublager am Bahnhof Gundelsdorf Zwangsarbeit verrichten.

Am Ziel unserer Radtour in Kronach befinden wir uns bereits außerhalb des Schiefergebirges. Hier im Bereich der Obermainischen Bruchschollenzone haben die drei Frankenwaldbäche Haßlach, Kronach und Rodach im Laufe der jüngeren Erdgeschichte breite Wannentäler entstehen lassen. Viele Abschnitte dieser Bäche wurden für die Flößerei begradigt. In Kronach lohnt sich ein Spaziergang durch die "Obere Stadt". Das sehenswerte historische Ensemble strahlt ein mittelalterliches Flair aus.

 

Bilder: © Frankenwald Tourismus / Regionalverbund Thüringer Wald / Ökologische Bildungsstätte Mitwitz / sonstige Partner